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Der grüne Hype – Wunsch oder Wirklichkeit? Was bringt die „EU-Berichtspflicht“?

18.08.2016 10:28:00
von Felix Menzel

v.l.n.r.: Jürgen May, Till Runte, Dieter Brübach

 

Seit Jahren geistert der Begriff Nachhaltigkeit durch die Welt. Einige können es gar nicht mehr hören. Andere wiederum sind ungeduldig, ihnen kann der Sinneswandel in der Gesellschaft gar nicht schnell genug gehen.

War es vor wenigen Jahren das „Green Meeting“, das die Verbände der Veranstaltungsbranche und die Fachpresse zum Megathema hochstilisiert haben, so wird momentan viel über die „EU-Berichtspflicht“ gesprochen. Ist das eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird?

Ich habe zwei Fachleute um ihre Einschätzung gebeten. Dieter Brübach ist Vorstandsmitglied beim Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V., kurz B.A.U.M. Der Verein verbindet seit 1984 erfolgreich und zukunftsorientiert ökonomische, ökologische und soziale Fragen, also die Prinzipien der Nachhaltigkeit, miteinander. Heute ist B.A.U.M. mit weit über 500 Mitgliedern das größte Unternehmensnetzwerk für nachhaltiges Wirtschaften in Europa.

Mein zweiter Interviewpartner ist Jürgen May, Inhaber von der Beratungsagentur 2bdifferent. Die beiden B stehen für „be sustainable“ und „be succesful“. Jürgen May bildet als Experte unter anderem für das German Convention Bureau GCB Nachhaltigkeitsberater aus und ist Sprecher der Projektgruppe Nachhaltigkeit beim Messe-Branchenverband FAMAB.

 

Till Runte (TR): Herr Brübach, können Sie uns die „EU Berichtspflicht“ in Bezug auf die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts erläutern? Für wen gilt diese und ab wann? 

Dieter Brübach: „Die EU hat eine Richtlinie 2014/95/EU erlassen, wonach vor allem große Unternehmen (über 500 Mitarbeiter), die von "öffentlichem Interesse" oder anderswie "kapitalmarktorientiert" sind (also z.B. Versicherungen) zu einer "nichtfinanziellen" Berichterstattung (also insbesondere zu den Aktivitäten zu Nachhaltigkeit/CSR) ab 2017 verpflichtet werden sollen.

Unternehmen können auf Konzernebene berichten, Tochtergesellschaften in Deutschland sind in diesem Fall von der Berichtspflicht befreit, wenn die Inhalte des Lageberichtes der Muttergesellschaft die Vorgaben enthalten. Alternativ kann ein gesonderter Bericht innerhalb von 6 Monaten veröffentlicht werden, der die Inhalte umfasst inkl. Prüfbericht des Wirtschaftsprüfers (§ 267). Erlaubt ist die Verwendung von unterschiedlichen Berichtsrahmenwerken – der Entwurf nennt explizit den Deutschen Nachhaltigkeitskodex, die Leitsätze der OECD für multinationale Unternehmen, der Standard G4 von der Global Reporting Initiative sowie das Umweltmanagement- und -betriebsprüfungssystem EMAS, den UN Global Compact und die VN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Bei den Unternehmen verbleibt die Prüfpflicht auf Vollständigkeit; das angewandte Rahmenwerk ist zu nennen (§289d).

Die Inhalte der nichtfinanziellen Erklärung sind ab dem Geschäftsjahr 2017 zu berichten und umfassen neben der Beschreibung des Geschäftsmodells, Aspekte zu den Themen Umwelt, Arbeitnehmerbelange, Sozialbelange sowie die Bekämpfung von Korruption und Bestechung. Für den Aspekt Umwelt werden beispielhaft Angaben zu Treibhausgasemissionen, zum Wasserverbrauch, zur Luftverschmutzung, zur Nutzung von erneuerbaren und nicht erneuerbaren Energien oder zum Schutz der biologischen Vielfalt genannt. Zu den Aspekten sind jeweils Kennzahlen zu berichten, die zur Steuerung eingesetzt werden.

Weiterhin sind Konzepte, Prozesse, Ergebnisse und wesentliche Risiken zu nennen, die mit den Aspekten einhergehen und ein Diversitätskonzept im Hinblick auf die oberste Führungsebene zu kommunizieren (Inhalte: Alter, Geschlecht, Bildungs- oder Berufshintergrund, Ziele des Konzeptes, der Art und Weise seiner Umsetzung und der im Geschäftsjahr erreichten Ergebnisse).“

 

TR: Wie stellen sich die B.A.U.M. Mitglieder dazu auf, gibt es spezielle Initiativen? 

Dieter Brübach: „B.A.U.M. hat seine Mitgliedsunternehmen frühzeitig über die auf sie zukommenden Berichtspflichten informiert. Zusätzlich wurden entsprechende Seminare angeboten. Für viele der vorbildlichen B.A.U.M.-Mitgliedsunternehmen, die ohnehin schon seit langem über ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten regelmäßig berichten, wird sich im Kern nicht viel ändern. Ein guter Nachhaltigkeitsbericht deckt die Anforderungen weitgehend ab. Andere Unternehmen werden sich diesem Thema aber jetzt intensiv widmen müssen.“

 

TR: Welche konkreten Auswirkungen erwarten Sie im Beschaffungsbereich, speziell auch bei Übernachtungen und Veranstaltungen, bei Catering etc.? 

Dieter Brübach: „Ich erwarte eher indirekte Auswirkungen. Die Berichtspflicht wird die Unternehmen zunächst veranlassen zu analysieren und zusammenzutragen, welche Handlungsfelder relevant sind und was hier bislang geleistet wurde. Neben klassischen Bereichen wie dem Energie- und Ressourcenverbrauch werden auch andere Themen wie z.B. das Dienstreisemanagement betrachtet werden. Das Gebot der kontinuierlichen Verbesserungen wird dann dafür sorgen, dass hier künftig auch weitere Maßnahmen umgesetzt werden, also z.B. nachweislich umweltfreundliche Locations und Hotels bevorzugt werden.“

 

TR: Herr May, gibt es aus Ihrer Praxis bereits erste Anzeichen in Bezug auf die EU Berichtspflicht?

Jürgen May: „Große Unternehmen sind große Kunden in Sachen Veranstaltung und Übernachtungen. Mit der EU CSR Berichtspflicht verbunden ist der Nachweis der Wertschöpfungsprozesse im Rahmen der Lieferkette, des Supply Chain Management. Dadurch hat die EU CSR Berichtspflicht auf mittlere und kleine Unternehmen inzwischen größere Auswirkungen. Gefordert werden aktuell Nachweise insbesondere von Messebauer, Eventlocations, Caterer zu den Ressourcenverbräuchen, den eingesetzten Materialien, Mobilitäten, Bezugsquellen zu den Produkten sowie Informationen zur Umwelt- und Gesundheitspolitik und Geschäftsethik des beauftragten Partners. Alleine seit Januar 2016 betreuen wir 6 Unternehmen aus der Veranstaltungswirtschaft, um die Anforderungen der Auftraggeber zu erfüllen, da bei einer negativen Prüfung oftmals eine Sperrung als Lieferant oder Dienstleister erfolgt.“

 

TR: Was bedeutet das denn konkret für z.B. Hotels. Müssen diese sich jetzt oder in Zukunft nachhaltig zertifizieren lassen?

Jürgen May: „Die Anforderungen im Bereich Zertifizierungen sind unterschiedlich. Ein Großteil der Unternehmen verlangt einen Nachweis über nachhaltiges Handeln in Form einer schriftlich hinterlegten und transparenten nachhaltigen Firmenpolitik. Dazu gehört ein definiertes Nachhhaltigkeitsleitbild ebenso, wie ein Verhaltenskodex (‪code of conduct) mit formulierten Verhaltensanweisungen als grundlegende Handlungsorientierung für Mitarbeiter/innen. Andere Auftraggeber wiederum fragen verpflichtend nach zertifizierten Umwelt- und Gesundheits- und Sozialmanagementsystemen.“

 

TR: Handelt es sich hier um ein Bürokratiemonster, das versanden wird, ähnlich wie der vor Jahren gehypte Ruf nach „Green Meetings“?

Jürgen May: „Ganz klar nein, da von der EU Richtlinie über die "Offenlegung nichtfinanzieller Informationen" alle kaptitalmarktorientierten Unternehmen in den EU Mitgliedstaaten ab 2017 verpflichtet sind über ihr CSR-Engagement einheitlich zu berichten. Bei Nichterfüllung wird eine Strafzahlung von 10 Millionen Euro fällig.“

 

TR: Könnten Sie mir bitte noch ein abschließendes Statement und Ihre Prognose zur Relevanz von Nachhaltigkeit geben?

Jürgen May: „Unternehmenserfolg wird inzwischen immer stärker daran gemessen, inwieweit ein Unternehmen, neben rein monetärem Gewinn, seine Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft wahrnimmt. Wer heute nicht die Gesellschaft und Umwelt in ihrer Qualität mit einbindet, wird zukünftig ökonomisch immer weniger Erfolg haben können.“

Dieter Brübach: „Transparenz und Glaubwürdigkeit in der Kommunikation sind das Gebot der Zeit. Die neuen Berichtspflichten werden hierzu wichtige Impulse setzen. Proaktiven und nachhaltigkeitsengagierten Unternehmen bietet sich die Chance, sich hier zu positionieren.“

 

Certified wird sich der Thematik auch weiterhin widmen und es beim nächsten Certified Summit speziell für Hotelvertreter behandeln und diskutieren. Darüber hinaus sind spezielle Workshops in Kooperation mit B.A.U.M. und Jürgen May geplant, um Nachhaltigkeitsbeauftragte von Firmen über das schon heute bestehende Angebot von Certified Green Hotels zu informieren und aktuelle Themen zur Berichtspflicht zu erörtern.

Alle Termine finden Sie auf www.certified.de

 

Über den Autor:

Till Runte ist Geschäftsführer der Certified GmbH & Co. KG in Bad Kreuznach. Seit Mai 2011 ist seine Firma der operative Betreiber der VDR-Hotelzertifizierung, die vom Geschäftsreiseverband VDR vor 15 Jahren initiiert wurde. Ebenfalls im Jahr 2011 wurde das Nachhaltigkeitssiegel Certified Green Hotel entwickelt, das bereits an 120 Hotels vergeben werden konnte.

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